08.11.2017 12:43

WORT DER WOCHE: urbanes Lebensgefühl (Sprachdosis KW 45 - veröffentlicht am 10.11.2017)


WORT DER WOCHE: urbanes Lebensgefühl

Deutsch 2.0-Sprachdosis in der Kalenderwoche (KW) 45/2017, veröffentlicht am 10.11.2017

Sprach-Info:

[Das WORT DER WOCHE besteht diesmal aus zwei Wörtern. Der Autor ist Harald Denckmann.]

Ursprünglich hat mich eine Werbeanzeige veranlasst, über den Begriff 'urbanes Lebensgefühl' einmal nachzudenken. Beworben wurde ein SUV - ein hochbeiniger Geländewagen mit Trecker-Reifen also, der eigentlich einmal gebaut wurde, um auf Permafrostböden oder in der Sahara abseits der Wege gut zurechtzukommen. Dieses Gefährt sollte seinem Fahrer nun ein 'urbanes Lebensgefühl' vermitteln. Neben dem Auto stand ein Model in schickem Abendkleid und er trug einen Smoking, beide offensichtlich auf dem Weg in die Oper. Offenbar stellt sich das urbane Lebensgefühl ein, wenn man mit dem Jeep in die Oper fährt.

Der Gegenpol dazu müsste eigentlich die 'ländliche Idylle' sein, die früher einmal mit dem 'städtischen Leben'  kontrastiert wurde. Jemand, der mit dem Jeep in die Oper fährt, und neben seinem City-Apartment auch noch ein Landhaus besitzt, würde natürlich im postmodernen Zeitalter nicht die 'ländliche Idylle' suchen, sondern in Ergänzung seines urbanen Lebensgefühls auch noch den 'Country Lifestyle' pflegen.

In der Stadt prallen unterschiedlichen Ideen aufeinander und der Stadtraum ist geprägt durch das Aushandeln von Kultur. Die Stadt gilt über die Jahrhunderte als Ort der Kommunikation und des Fortschritts. Jemand, der dort die Dinge voranbringt, ist daher kein einfacher 'Städter' mehr, sondern ein tragendes Element urbaner Innovationskultur.

Das urbane Lebensgefühl hängt allerdings auch vom Situationsrahmen ab. Wenn man nicht gerade mit dem Jeep und Traumfrau an der Seite in die Oper fährt, sondern morgens mit dem Jeep seine Brötchen beim Bäcker holt, stellt sich dieses urbane Lebensgefühl nicht unbedingt ein. Leute, die solch ein Verhalten in der heutigen Zeit beobachten, schimpfen schon einmal über einen Proleten, der mit seinem stinkenden Blechhaufen, der 20 Liter Diesel auf 100 km verbraucht, überflüssigerweise die Luft  mit Feinstaub verpestet. Der Banker, der auf dem Skateboard oder mit dem Elektroroller vorbeikommt und eben die Brötchen mitnimmt, ist in dieser Situation schon eher ein Repräsentant urbanen Lebensgefühls. Bei allem urbanen Lebensgefühl muss man also immer schön aufpassen, dass man den zurzeit angesagten Trend nicht verpasst. Sonst, so heißt es heute, hat man die Sache verkackt.

Fragen oder Kommentare gern an den Autor dieser Sprachdosis Harald Denckmann.


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