25.01.2018 10:30

WORT DER WOCHE: liefern - aber was? (Sprachdosis KW 5 - veröffentlicht am 02.02.2018)


WORT DER WOCHE: liefern – aber was?

Das Verb liefern ist transitiv, d. h. es verlangt ein Akkusativobjekt, den „Wenfall“: Heizöl, Kartoffeln, Baumaterial liefern. Steht liefern in einem Passivsatz, mutiert das Gelieferte zum Subjekt: Heizöl wird geliefert.

In neuerer Zeit erscheint liefern aber immer öfter intransitiv, ohne Objekt. Was geliefert wird oder geliefert werden soll, bleibt ungesagt.

Die Braunschweiger Zeitung  vom 18. Dezember 2017 schreibt in einem Leitartikel zum Ausbau der Windenergie: „Nach sieben Jahren darf man auch von einem kleinen Regionalverband erwarten, dass er liefert.

Die ZEIT  vom 4. Januar 2018 behandelt ausführlich die von der FDP verantwortete Schulpolitik der neuen nordrhein-westfälischen Landesregierung und erinnert an die Versprechen der Partei im Wahlkampf: „Wenn die Liberalen nicht liefern, dann beschädigen sie ihre Glaubwürdigkeit.“

Die Frankfurter Rundschau  vom 10. Januar 2018 widmet dem norwegischen Biathlon-Veteranen Ole Einar Bjørndalen einen ganzen Artikel; darin heißt es: „Der fast 44-jährige muss an diesem Mittwoch im Einzelrennen über 20 Kilometer beim Weltcup in Ruhpolding liefern, ansonsten wird es sehr eng mit der siebten Olympiateilnahme seit 1994 für den achtmaligen Goldmedaillengewinner.“

Und in der ZEIT  vom 18. Januar 2018 lautet eine Überschrift: „Jetzt liefert er auch noch“. Er  ist der französische Präsident Macron.

Das Objekt fehlt, aber wir können es erschließen. In den drei ersten Beispielen geht es um eine Erwartung, darum, dass jemand etwas liefern soll. Und dieses Etwas lässt sich umschreiben mit konkrete Ergebnisse. Der Regionalverband soll einen praktikablen Vorschlag machen; die FDP-Ministerin soll sagen, was sie für die Schulen des Landes vorrangig tun will; Ole Einar Bjørndalen soll mit dem Rennen die Olympianorm erfüllen.

In dem letzten Beispiel wird das fehlende Objekt im Untertitel nachgetragen: „Mehr Wirtschaftswachstum, weniger Arbeitslose.“ Das Liefern ist nicht mehr Erwartung, sondern schon Gegenwart. Konkrete Ergebnisse sind schon da.

Kennen Sie weitere Beispiele für liefern ohne Objekt, und sind auch in diesen konkrete Ergebnisse das, was man sich hinzudenken muss?

Antworten, Fragen oder Kommentare gern an den Autor dieser Sprachdosis Jochen Pöhlandt.


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