29.06.2017 11:09

MEINUNG: Abiturniveau/Sprachrichtigkeit (Sprachdosis KW 26 - veröffentlicht am 30.06.2017)


Persönliche MEINUNG: Abiturniveau/Sprachrichtigkeit (von Jochen Pöhlandt)

Deutsch 2.0-Sprachdosis in der Kalenderwoche (KW) 26/2017, veröffentlicht am 30.06.2017


MEINUNG: ABITURNIVEAU – HIER: SPRACHRICHTIGKEIT

Wer im Internet den Suchbegriff  Abiturniveau eingibt, findet eine Fülle von Artikeln, die ein

Sinken dieses Niveaus im Laufe der letzten Jahrzehnte behaupten, vor allem seit Anfang des

21. Jahrhunderts.

 

Unstrittig sind diese Tatsachen:

*  Heute macht in Deutschland jedes Jahr fast eine halbe Million junger Menschen Abitur, während

    es 1950 in der Bonner Bundesrepublik nur gut 32.000 waren (DIE ZEIT vom 30. März 2017).

*  Die Abitur-Durchschnittsnote ist deswegen aber nicht gesunken, sondern im Gegenteil deutlich    

    gestiegen. Vor allem seit der Einführung des Zentralabiturs explodierte förmlich die Zahl der  

    Einser-Abiturienten. Die (inzwischen zum Teil wieder zurückgenommene) Verkürzung der

    Gymnasialzeit auf acht Jahre hat daran nichts geändert.

*  Es gibt beträchtliche Unterschiede zwischen den Bundesländern. 2014 war die Durchschnitts-

    note aller Abiturienten des Landes in Niedersachsen 2,61, in Thüringen 2,16. Thüringen ver-

    zeichnete denn auch mit 37% den höchsten Anteil Einser-Abiturienten (DIE WELT vom

    17. November 2015). Das Zentralabitur ist also kein Garant gleicher Leistungsanforderungen.

*  Hochschullehrer beklagen oft die fehlende Studierfähigkeit vieler Studienanfänger. Kürzlich

    z. B. kritisierten 130 von ihnen in einem Brandbrief die mangelnde Qualität des schulischen

    Mathematikunterrichts (DER TAGESSPIEGEL vom 17. März 2017).

 

Wer im Gewirr des Streits um den Ernst des Problems, um Ursachen und mögliche Maßnahmen

einen eigenen Standpunkt sucht, tut gut daran, von dem auszugehen, was er vor Ort beobachten

und aufgrund fachlicher Kompetenz beurteilen kann. Ich wohne in Niedersachsen, war fast vier

Jahrzehnte Deutschlehrer und habe durch einen Lehrauftrag an einer Fachhochschule weiterhin

regelmäßig Kontakt zu Studenten. Wenn ich die obengenannten Tatsachen auf meinen Horizont

herunterbreche, stelle ich dies fest:

*  In meiner Stadt, einer Mittelstadt von 50.000 Einwohnern, gibt es drei Gymnasien; sie seien

    hier A, B und C genannt. Beim diesjährigen Abitur hatte A einen Einser-Anteil von 33 %,

    B von 23 % und C von 13 %. Die Unterschiede zwischen den Bundesländern spiegeln sich

    so auf der örtlichen Ebene. Selbst wenn man eine soziokulturell vielleicht etwas verschie-

    dene Schülerklientel unterstellt, kann sie allein diese Unterschiede nicht erklären. An der

    Schule C wird offenbar - Zentralabitur hin, Zentralabitur her - ganz einfach härter zensiert.

*  Im zeitlichen Längsschnitt ist die Vervielfachung der Einsernoten aber auch an der Schule C

    festzustellen. 2003, vor der Einführung des Zentralabiturs, war die Bestnote im Abitur 1,4,

    und überhaupt hatten nur zwei Schüler eine Eins vor dem Komma. In diesem jahr waren es

    elf, trotz einer geringeren Gesamtzahl der Abiturienten.

* Ein weiter greifender Längsschnitt ist dieser: Ich habe zwischen 1968 und 2002 jeweils im

    Abstand von acht bis zehn Jahren das gleiche Diktat in einer siebten Klasse als Klassen-

    arbeit schreiben lassen. Den Bewertungsmaßstab musste ich jedesmal nach unten korrigie-

    ren. Was 1970 ausreichend war, ist heute befriedigend.

* Kürzlich baten mich vier Studenten einer technischen Fachrichtung, in einer etwa 40 Seiten

    umfassenden Studienarbeit, die sie gemeinsam verantworten, die Fehler zu korrigieren. Ich

    fand eine Fülle grober grammatischer Fehler (ein Hebelarm konstruieren, des Apparat)

    und eine völlig regellose Kommasetzung, bei der die fehlenden Kommas etwas zahlreicher

    waren als die grundlos mitten im Satz platzierten. Über- (oder unter-?)boten wurden die

    vier von einer Kommilitonin, die mir vorige Woche diese E-Mail schickte:

    Ich wollte einmal fragen ob sie nächstes Semester wieder ein Norwegisch Kurs anbieten?

Fünf Studierende nur, gewiss. Aber Einzelfälle sind sie nicht, das zeigen mir andere E.Mails, die ich erhalte,

und die Korrektur von Klausuren, bei denen ins Deutsche übersetzt werden soll.

 

Ich will auch kein Urteil über den Deutschunterricht schlechthin fällen, den die fünf gehabt haben. Nur:

Derjenige Teil dieses Unterrichts, der die Fähigkeit vermitteln soll, ein einigermaßen richtiges Deutsch zu

schreiben (und der doch bis zur achten Klasse erheblichen Raum einnimmt oder doch einnehmen sollte), hat

bei ihnen keine Spuren hinterlassen. Das war indes kein Handicap, das sie gehindert hat, das Abitur zu

bestehen.

 

Der im Wortlaut ziterte Satz lag bei Abiturienten der sechziger oder noch der achtziger Jahre jenseits alles

Vorstellbaren. Sie schrieben nicht alle ein gutes, aber doch ein leidlich korrektes Deutsch. Und natürlich gibt es

auch heute Abiturienten, die sich korrekt schriftlich ausdrücken können. Nur kann diese Kompetenz eben nicht

mehr bei allen als selbstverständlich unterstellt werden. Hier ist der Niveauverlust konkret und offenkundig.

Ich stehe nicht an, von einem Kulturverlust zu sprechen. (Ob auch beim Abitur in Französisch, Chemie oder

Geschichte ein Niveauverlust feststellbar ist, kann ich nicht beurteilen).

 

Der Niedergang der schriftlichen Sprachrichtigkeit hat nach meiner Meinung viele Gründe:

*  Opposition, berechtigte, gegen exzessives Pauken von Rechtschreibung bis hin zu pedanti-

     schen Unterscheidungen: hin und her laufen (ohne bestimmtes Ziel), aber hin- und herlaufen

     (hin- und wieder zurücklaufen). Die Steigerung solcher Opposition waren, besonders ab 1968

*  neue Wertsetzungen: Kreativität vor Wiederholung, Individualität vor Norm. Es gab auch

     eine Phase, in der grammatische Kompetenz und die Beherrschung der Zeichensetzungs-

     und Rechtschreibregeln als Herrschaftswissen diffamiert wurden. Damit zusammen hängt

*  das Zurückdrängen kontinuierlichen Übens und die drastische Verminderung der Zahl

    obligatorischer Diktate. Man kann nicht - wie in meinem Umfeld - diese Zahl in der Summe

    der Klassen 5 und 6 von 13 auf 6 herabsetzen, ohne dass das Folgen hat.

*  Deutsch ist nicht mehr ein für alle verbindliches Prüfungsfach im Abitur.

*  Verwirrung durch die Rechtschreibreform von 2002 und ihre spätere halbe Rücknahme.

    Besonders in der Getrennt- und Zusammenschreibung ist das spürbar. Fehler wie der oben

    zitierte Norwegisch Kurs kamen früher kaum vor. (Auch der Deutsch Unterricht ist mir

    schon begegnet). Der Hang zur Getrenntschreibung mag auch mitbedingt sein durch den

*  Einfluss des Englischen. - Und sicher nicht zu vergessen sind

*  die neuen Medien mit ihren in Eile formulierten Kurzmeldungen.


Welchen Wert messen Sie allgemein korrektem Schreiben bei?

Machen Sie Ihre Antwort davon abhängig, um welche Anlässe es jeweils geht?

Wie schätzen Sie die eigene Schreibkompetenz ein?

 

Antworten, Fragen oder Kommentare gerne auch an den Autor dieser Sprachdosis Jochen Pöhlandt.


Kommentar schreiben

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte hier an.

Kommentare

Keine Einträge

Keine Einträge gefunden.